Es regnet, es regnet, die Erde wird nass.

19.06.2013 11:50

Einen feuchten Gruß sende ich Euch aus Cape, in dem nun auch die Regenzeit angekommen ist. Regenzeit bedeutet, dass es teilweise tagelang durchregnet. Es bedeutet morgens aufzuwachen und das Haus nicht verlassen zu können, weil es so stark regnet. Es bedeutet somit leere Straßen in Cape, weil alle Zuhause sitzen. Dass man seine Arbeit, seine Verpflichtungen hat ist dann egal. Wenn`s regnet, dann regnets. Und dann fällt alles andere eben im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.  Es bedeutet einen kleinen Swimmingpool in unserem Wohnzimmer, da sich die Decke als etwas undicht herausgestellt hat. Es bedeutet sich einen warmen Pulli überziehen zu müssen, weil die Temperaturen teilweise auf sage und schreibe 25 Grad herabsinken ist und es einem da echt kalt wird!

Während ich nun also schon fast eine ganze Jahreszeitenperiode in Deutschland verpasst habe, lerne ich den zweiten Klimawechsel in Ghana kennen. Und so langsam wird mir bewusst, wie lange ich wirklich weg bin. Mag verrückt klingen, dass ich dazu ganze 9 Monate brauche, um mir dessen bewusst zu werden, aber ist so. Wenn man den Geruch von einem leckeren Döner schon fast vergessen hat, sich kaum noch vorstellen kann, wie sich wohl warmes Wasser auf der Haut anfühlt, nicht mehr weiß, wie man eine Waschmaschine bedient und die dicke Kakerlake im Brot einen nicht mehr groß beeindruckt. Wenn man hört, was Zuhause alles passiert bzw. man es nicht hört, weil man eben nicht da ist. Man merkt, dass, während man hier so viel erlebt hat, gleichzeitig die Zeit daheim auch nicht stehen geblieben ist. Und plötzlich checkt man erst: Ich bin wirklich ein ganzes Jahr weg, krass eigentlich.
 

Diese Erkenntnis schlauer versuchen wir unsere letzten Monate hier nochmal in vollen Zügen zu genießen und auszunutzen. Was mir, wenn mir mein typhusgeschädigter Magen nicht grad einen Strich durch die Rechnung macht, auch ganz gut gelingt. Es gibt super Neuigkeiten, was unsere Culture Group anbelangt. Momentan trainieren wir für eine Show im Juli, bei der mehrere Culture Groups aus Cape Coast antreten. Der Gewinner wird bei einer weiteren Competition in Accra den District Cape Coast vertreten und repräsentieren dürfen. Für uns ist es schon allein eine riesen Ehre an der Show teilnehmen zu dürfen und für die Kinder natürlich unglaublich aufregend. Trotzdem werden wir selbstverständlich unser Bestes geben und denen zeigen, was wir alles draufhaben.

 

Ein weiteres Thema, worüber ich kurz erzählen möchte, weil es mich in letzter Zeit viel beschäftigt hat, ist die Freundschaft mit Einheimischen. Dass der allgemeine Umgang, das ganze Miteinander ein ganz anderes und sehr viel Offeneres ist, als wir es gewohnt sind, ist nichts Neues. Zurück in Deutschland werde ich wahrscheinlich ständig für peinlich berührte Momente sorgen, weil ich mein inzwischen ausgeprägtes Kommunikationsbedürfnis auch an wildfremden Menschen auslebe. So erkundige ich mich bei jeden neben mir sitzenden Menschen nach seinem Befinden sowie das der Kinder, kommentiere seine Frisur und wünsche ihm einen schönen Tag. Ebenfalls werde ich mir wohl abgewöhnen müssen mit jedem mir sympathischen Menschen direkt Handynummern auszutauschen. ( „Because I want to be your friend“.) Genauso wie diesen dann ohne ersichtlichen Grund anzurufen. Dieses hier nur nett gemeinte „I just wanted to check on you how are you doing“ könnte in Deutschland eventuell als sinnloser Telefonterror bzw. Belästigung aufgefasst werden. Ebenso werde ich wohl nie wieder ohne schlechtes Gewissen etwas allein verzehren können. Hier wird alles geteilt. Ich beobachte immer noch total fasziniert, wie meine Schüler selbst den kleinsten Keks sorgfältig halbieren und mit ihren Freunden teilen.

Doch auch wenn mir das freundliche „Guten Morgen“ meines Nachbarn weiterhin meinen Tag versüßt, so bin ich noch immer nicht ganz dahinter gekommen, ab wann dann die wirkliche Freundschaft beginnt. Man redet viel, mit jedem, aber selten über wirklich private Dinge.
Ich habe hier einige Freund gefunden. Auch wirklich gute Freunde. Trotzdem gibt es manchmal sagen wir Differenzen, die diese Freundschaft nicht immer leicht machen. So war ich zum Beispiel erst letztens bei einem Freund, der auch gleichzeitig der Tanzlehrer unserer Culture Group ist, zum ersten Mal zu Hause. Er lebt quasi für das Tanzen. Die Schule konnte er mangels Geld nie abschließen. Ich kann selbst bestätigen, dass er tanzt wie ein Gott. Demzufolge trägt er mehr als verdient den Titel des besten Tänzers Cape Coast. Sein Traum: nach Amerika gehen und dort groß rauskommen.
Der Weg zu seinem Heim bahnte sich durch viele kleine verwinkelte Gassen und Hinterhöfe, die man als Nicht-Ghanaer oft gar nicht zu sehen bekommt. Bei ihm angekommen dann das, was man sich doch eigentlich auch fast hätte denken können, tatsächlich vor Augen geführt und realisiert. Sein Zuhause: ein Zimmer, welches er sich mit zwei anderen Freunden teilt. Keine Dusche, keine Toilette. In dem Zimmer auch nicht viel mehr als ein Schreibtisch und ein Bettgestell ohne Matratze, von dem es mir ein Rätsel ist, wie man überhaupt darin schlafen kann geschweige denn zu Dritt. Sein Zimmer ist verhältnismäßig insofern sogar noch recht komfortabel, als dass es einen Ventilator besitzt. Nicht ohne Grund sieht man bei Nacht viele Cape Coaster draußen auf den Straßen schlafen, weil es dort einfach kühler als im Haus ist.
Da siehst du dich mit Tatsachen konfrontiert, die dir wieder bewusst werden lassen, wie gut es einem eigentlich geht. Meinen Leuten Zuhause erzähle ich, dass ich hier „nur“ auf einer gammligen Schaumstoffmatratze schlafe. Aber immerhin habe ich eine. Für mich ist das hier alles ein riesen Abenteuer, neu und aufregend. Doch im Grunde immer mit dem Wissen, dass ich in diesem Standard nur für eine beschränkte Zeit leben werde. Da ist die Regendusche spaßig. Doch für die Menschen hier ist es ihr Leben. Es ist ihre Realität. Und größtenteils werden sie ihr Leben lang auch nichts anderes sehen und erfahren.
Kurz darauf kam der eben erwähnte Freund auch bei uns zu Besuch. Saß an unserem Wohnzimmertisch auf dem sich die Kameras, Laptops und Handys stapelten, bewunderte unsere Zimmer und den gefüllten Kühlschrank in der Küche. Ich muss ehrlich gestehen, dass es mir in dem Moment fast unangenehm war. Als ob ich mich für mein eigenes Zuhause schämen müsste.
Dann bemerkst  du wie dein Freund sich ohne zu fragen an deinem Kühlschrank bedient. Einfach nur ein kultureller Unterschied und andere Sitte? Er sich danach erkundigt, ob du deine Musikboxen auch wirklich wieder mit nach Deutschland nehmen möchtest. Und plötzlich siehst du dich selbst mit der Frage konfrontiert, warum er eigentlich mit dir befreundet ist. Ist es deine Persönlichkeit oder im Grunde eben doch nur deine Hautfarbe, die ihn angezogen hat. Man möchte die Antwort am liebsten gar nicht wissen.

Dies ist nur ein Beispiel und ich habe auch viele andere positive Erfahrungen machen dürfen. Ich könnte jetzt auch noch viele Gegenbeispiele bringen, von tollen, herzensguten Menschen erzählen, die sonntags extra für mich Fufu kochen und die mich dann wieder vom Gegenteil überzeugen. Doch solche Erlebnisse gehören nun eben auch dazu. Allein  die Tatsache, dass in mir solche Fragen aufkommen, man inzwischen zweimal überlegt, was die Absichten seines Gegenübers sind, zeigt, dass Freundschaft zwischen verschiedenen Kulturen leider nicht immer dasselbe wie in der eigenen Heimat ist. Auch wenn ich es mir schwerfällt, das mir einzugestehen und zu akzeptieren.

 

Und nun entschuldigt mich, bin mal eben den Nachbarn nach seinem Tag fragen, bisschen ghanaisches Leben auskosten, bisschen Azonto auf der Straße tanzen, bisschen die Welt retten, ihr wisst schon…